12
Aug
2018
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Immerath

Beschleicht uns nicht alle ein kleines Bisschen „Sensationslust“ ? Erklären kann man das kaum, wenn Feuerwehr oder Krankenwagen an einem vorbei fahren und plötzlich alle den Fahrzeugen mit gereckten Hälsen hinterherschauen  – selbst wenn sie schon ums Eck gebogen sind. Dann ziehen einige die Luft durch den leicht geöffneten Mund: „FFFFFFF……Da is was passiert – oh wei“ – hört man die Leute dann reden. Manche halten sich betroffen die Hand vor den Mund. Sobald die Sirenen nicht mehr zu hören sind gehts wieder in den gewohnten Trott. Vergessen können wir auch ganz schnell.

So stehen die Menschen auch an der Aussichtsplattform am Garzweiler Tagebau. Eine Hand schattet die Augen ab und man sucht irgendwie nach Anhaltspunkten. „Da – sagt eine Dame neben mir – da war Otzenrath! Junge Junge Junge“ Ich folge ihrem Blick, kenne aber nichtmal den Ort. Ja, da irgendwo in dem Loch muss er gewesen sein.

Man kann endlos darüber debattieren wie sinnig der Abbau von Braunkohle ist. Ich bin kein Fachmann und weiß einfach nicht, ob wir im Jahr 2018 nicht schon viel weiter mit den erneuerbaren Energien sein müssten. Die Politiker – die „da oben“ hätten ja schon vor Jahren…. – sowas lese ich sehr oft. Neulich sagte mir jemand, dass das doch alles ok sei. Allgemeinwohl steht über dem Wohl des Einzelnen. Ich bin jetzt mal so frei und sage, dass das auch nur von jemandem kommen kann, dem nicht seine Heimat unterm Arsch weggebaggert wurde.

Wir wissen doch garnichts. Schwarmwissen bei Facebook und Internetforen – alles Energiefachleute und studierte Geologen. Logisch – DAS sind die, mit denen wir uns über dieses Thema unterhalten. Daher haben wir ja auch alle unser „Fachwissen“.

Aber egal wie man das Thema betrachtet. Ich kann mir nichts schlimmeres Vorstellen als meine Heimat unwiederbringlich zu verlieren. Wenn weg – dann weg!

Vor ein paar Wochen zog es mich zu einem der letzten Orte, die dem Bagger zum Opfer fallen werden – die Stadt Immerath. Ein Ort der schon im 12. Jahrhundert Erwähnung fand – Generationen über Generationen habe hier gelebt.Die doppeltürmige Kirche die den Ort damals von weitem schon ankündigte ist weg. Ich stehe direkt am Fuß des Fundaments und merke erst garnicht, dass ich auf ehemaligen bebauten Grundstücken stehe. Mir fällt es schwer mich zu orientieren. Es gibt im Grunde nur noch 2 Straßenzüge. Ich laufe ziellos eine Straße entlang und habe ehrlich eine Gänsehaut. Aber nicht, weil man vor seinem geistigen Auge noch Kinder spielen sieht und das Leben, dass dort einst pulsierte spüren kann. Nein – ich bin eher erschrocken darüber, wie sehr man die „Seele“ eines Ortes völlig vernichten kann. Hier spürt man nichts mehr. Selbst die Namen an den Klingelschildern erzählen keine Geschichte mehr.

Vielleicht ist es für mich als Aussenstehender einfach nicht fassbar. Aber nach diesem Besuch würde mir niemals über die Lippen kommen, dass das ja OK sei, weil wir ja die Energie brauchen. Wird wohl alles ein bisschen stimmen und ein bisschen auch wieder nicht. Aber was hier passiert ist einfach moralisch nicht zu verantworten. Und da denke auch ich als Laie ob wir uns vielleicht zu sehr auf der Braunkohle „ausgeruht“ haben und jetzt unsere Zeit hinterherlaufen ?

Nach 30 Minuten werde ich – obwohl ich den Ort noch offiziell betreten darf – von der Security unfreundlich des Ortes verwiesen.

Ich sitze im Auto und – so glaub ich mich zu erinnern – halte mir die Hand vor den Mund und bin fassungslos über das was ich dort sah. Man kann nur hoffen, dass der Planet uns nicht allzufrüh um die Ohren fliegt, so dass diese Wunden irgendwie in irgendeiner Art heilen können.


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